Gedanken zum Maskentragen

Eine kleine Theologie für das Tragen von Atemschutzmasken:

Von Pfarrer T. Oesterle, Schorndorf, veröffentlicht am 27. April 2020 auf der Internetseite der Pauluskirchengemeinde

Inzwischen sind Alle mit den technischen Details vertraut. Es gibt FFP2 oder FFP3-Masken, die tatsächlich aktiv vor Tröpfcheninfektion schützen. Und es gibt den normalen Mund-Nasenschutz, der nur in der Lage ist, Andere vor mir zu schützen, nicht aber mich selbst.
Der Egoist würde anhand dieser technischen Erkenntnis wahrscheinlich fordern: „Ich brauche eine FFP2-Maske, weil es ja zuerst um meinen Gesundheit geht! Der Andere ist mir egal!“ Wenn eine Gesellschaft mehrheitlich diesen egoistischen Gedanken weiterverfolgen würde, dann hätte das rasch zur Folge, das medizinisch-gut-geschultes Personal, die mir im Notfall helfen können, durch eine Coronainfektion hindurch zu kommen, keinen FFP2/3-Masken mehr hätten. Wenn dieses Personal dann auch beginnt, egoistisch zu denken, würde es konsequent die schwer an SARSCov2 erkrankten Patienten nicht mehr behandeln. Und selbst wenn der Egoist einmal annimmt, dass die Selbstlosigkeit beim medizinischen Personal so groß ist, dann sie auch mit schlechtem Equipment weiterhin ihrem medizinischen Auftrag nachkommen, würde das schnell zu hohen Sterblichkeitsraten unter Ärztinnen und Pflegern führen – und damit wäre am Ende dem Egoisten definitiv auch nicht geholfen, denn auch er kann in die Lage kommen, einen Arzt zu brauchen.

Diese Aporie führt uns zu den einfachen Mund-Nasen-Masken, die zwar nicht mich selbst, sehr wohl aber die Anderen schützen. Sie zu tragen, ist also zunächst einmal ein Akt der Nächstenliebe. Ich will andere nicht anstecken und hoffe, dass die anderen mir gegenüber auch so handeln. Damit sind wir bei der „Goldenen Regel“ der Bergpredigt angelangt. „Alles was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch“ (Mt. 7,12). Ich will, dass mich die Leute nicht mit SARSCov2 anstecken, also stecke auch ich niemanden an. Wenn diese Idee zu einer Massenbewegung wird, dann kann das dazu führen, dass sich das Virus langsamer ausbreitet. Zudem haben die einfachen Masken den Vorteil, dass die noch bestehenden Textilfirmen im Land sie schnell produzieren können. Statt mit der T-Shirt-Produktion, verdienen Menschen nur eben ihr Geld mit der Maskenproduktion.

Die Maskenpflicht führt uns also zu einer ganz elementaren theologischen Botschaft: Wenn ich nur als ein „in-mich-selbst-hineinverkrümmter-Mensch“ auf das Maskentragen schaue, dann lande ich bestenfalls in einer Aporie – siehe oben. Wenn ich aber bereit bin, vom Anderen her zu denken, also von Jesu Gebot ausgehend: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ – dann kann ich mich auf einen Maskentypus einlassen, der für alle beschaffbar ist und der meinen Mitmenschen auch wirklich hilft. Wenn das möglichst Viele tun, dann ergibt sich eine große Effizienz beim Schutz des Einzelnen. Was der Egoist nicht erreichen kann, erreicht die Achtsamkeit gegenüber dem Nächsten sehr wohl. Übrigens, der Philosoph Peter Sloterdijk entwickelt in seinem letzten Buch die grundlegende ethische Begrifflichkeit des „Ko-Immunismus“ d.h. es geht um das Einschwören der Individuen auf einen wechselseitigen Schutz, eine Art immunologischer Risikogemeinschaft. Das kommt dem nahe, was ich an Gedanken bisher entwickelt habe.

Ich bin von der Atemschutzmaske zur Theologie gekommen und der aufmerksame Leser merkt: So weltfremd wie man oft denkt, ist die Botschaft der Bibel gar nicht.